Raymund Schwager:
Eschatologie

 
 

 

 

 
 

 

 

6. Teil: Fegefeuer

 

Bei der Lehre vom Fegefeuer geht es um keine grundsätzlich neue Frage, sondern darum, ob im Sterben, in der Endentscheidung, die zugleich scheidendes Gericht ist, bereits die volle Ausscheidung des Bösen aus unserer Existenz geschieht oder ob wir in vielen Fällen mit einem länger dauernden Prozess des Scheidens und der Reinigung zu rechnen haben.

 

 

 

6.1 Umstrittene biblische Texte

 

Die weiter oben benützten Texte, um das Gericht als Scheidung im Menschen zu deuten (1Kor 3,10-15; 5,4-5), wurden in der Vergangenheit meistens als Belege für das Fegefeuer benützt.[127]Sie zeigen aber nur, dass eine Scheidung im Menschen nötig ist, und sie sagen nichts über die Dauer.

 

 

 

6.2 Tradition und Lehramt

 

 

 

6.2.1 Östliche Tradition

 

Origenes, der bisweilen als Vater der Lehre vom Fegefeuer bezeichnet wird, unterscheidet ausgehend von 1 Kor 3,10 -15 drei Gruppen von Menschen: (1) die Guten: solche, die mit Gold und Silber bauen; (2) die Mittleren: solche, die mit Holz und Heu bauen; (3) die Bösen: solche, die mit Eisen und Blei bauen. Die zweite und dritte Gruppe (vielleicht sogar auch die erste) muss durch ein läuterndes Gerichtsfeuer gereinigt werden. Je nach Schuld dauert das Feuer länger oder weniger lang, schließlich werden aber alle gerettet.[128]

 

Manche östliche Theologen folgten ganz Origenes (auch mit seiner Lehre von der Allversöhnung); andere lehnten diese Lehre ab, nahmen aber an, dass das Gerichtsfeuer eine reinigende Funktion hat; wieder andere (z.B. Chrysostomus) identifizierten das Gerichtsfeuer mit dem Höllenfeuer. Dies wurde später die vorherrschende Position, und es wurde kein eigenes Reinigungsfeuer angenommen.[129]

 

 

 

6.2.2 Westliche Tradition

 

Nach Tertullian müssen außer den Märtyrern alle auf die Auferstehung warten. Dadurch werden die leichteren Sünden gesühnt.[130] Nach Cyprian ist der Wartezustand der "Heiligen" und der "Gefallenen", die sich wieder mit der Kirche versöhnt haben, im Jenseits sehr verschieden. Beide Gruppen werden zwar das Heil erlangen. Die letzteren müssen aber durch ein Feuer gereinigt werden.[131]Von Cyprian an werden in der lateinischen Tradition zwei Formen des "Feuers" unterschieden, das strafende Höllenfeuer und das reinigende Gerichtsfeuer. Damit ist die Grundidee des Fegefeuers gegeben. Da man aber für alle Verstorbenen einen Wartezustand annahm, gewann die Vorstellung vom Fegefeuer noch keine systematische Bedeutung.[132]

 

Folgende Elemente führten schrittweise zu einer weiteren Ausgestaltung der Lehre vom Fegefeuer:[133]

 

(1) Gebet für die Verstorbenen im Reinigungsfeuer: Augustinus betont dies (Gebet für seine Mutter).[134]

 

(2) Visionen von Heiligen, die die Seelen in einem schrecklichen Feuer sahen (Gregor d.Große[135]; Beda[136]; St.Patrick etc.), und Visionen von Reisen ins Jenseits.

 

Aber: Gregor der Große erzählt auch Geschichten, wonach Menschen nach dem Tod auf die Erden zurückkehren mussten, um hier ihre Sünden abzubüßen.[137]

 

(3) 'Geographie des Jenseits': von einer Vierteilung (ganz Gute, halb Gute, halb Schlechte, ganz Schlechte) zu einer Dreiteilung.[138]

 

(4) Die neue Lehre des Mittelalters, dass die Seelen der wahrhaft Gerechten direkt nach dem Tod in den Himmel kommen und die Seelen der Todsünder in die Hölle. Für die übrigen musste folglich ein dritter Ort angenommen werden.

 

Zur mittelalterlichen Fegefeuerlehre gehörte die Vorstellung, dass die Reinigung an einem besonderen Ort und durch physisches Feuer erfolgt. Damit war ferner der Gedanke verbunden, im Fegefeuer seien die zeitlichen Sündenstrafen abzubüßen oder zu sühnen. Diese Sühnevorstellung wurde zentraler als der Reinigungsgedanke. Daraus ergab sich die Folgerung, man könne durch Hl. Messen, durch persönliche Bußwerke und vor allem durch den Ablaß stellvertretend für die Seelen im Fegefeuer Sühne leisten.

 

 

 

6.2.3 Kirchliche Lehre

 

Da die östliche Kirche keine ausdrückliche Lehre vom Fegefeuer entwickelt hat, spielte diese Frage bei den Unionskonzilien eine Rolle.

 

 

 

6.2.3.1 Erstes Konzil von Lyon (1245)

 

In einem Brief an den lateinischen Bischof in Konstantinopel, wo es von 1204-1261 ein von den Kreuzfahrern errichtetes lateinisches Kaiserreich gab, hält das Konzil zunächst fest, auch die Griechen würden annehmen, dass jene, die mit lässlichen Sünden sterben, nach dem Tod gereinigt werden müssen und dass man ihnen durch Fürbitte helfen könne. Das Konzil will aber darüber hinaus, dass die Griechen diesen Ort "Purgatorium" nennen. (Vom Feuer und sühnenden Charakter der Strafe ist nicht die Rede) (DS 838).

 

 

 

6.2.3.2 Zweites Konzil von Lyon (1274) (im Glaubensbekenntnis des Kaisers Michael Palaeologus)

 

Der Kaiser bekennt, dass die Seelen, die während des Lebens für ihre Sünden noch nicht genügend Buße getan haben, aber doch im Stande der Liebe verstorben sind, nach dem Tod durch "poenis purgatoriis seu catharteriis" (reinigende Strafen) gereinigt werden. Er nimmt auch an, dass ihnen durch Almosen, Messopfer und Gebet geholfen werden kann. Weder vom Ort der Reinigung, noch vom Feuer ist aber die Rede (DS 856).

 

 

 

6.2.3.3 Konzil von Trient, 25. Sitzung (1563)

 

Die Lehräußerung des Konzils wurde veranlasst durch die Reformation. Luther hatte die überlieferte Lehre vom Fegefeuer schrittweise bestritten:

 

(1)Der Papst habe keine Jurisdiktion über die Seelen im Fegefeuer (1517). Er könne deshalb keine Ablässe für sie geben.

 

(2)Die Existenz des Fegefeuers werde in der Bibel nirgends klar bezeugt (1530). Die Kirche dürfe deshalb daraus keinen Glaubensartikel machen (Widerruf vom Fegefeuer: WA 30, 360f).

 

(3)Das Fegefeuer sei ein Teufelsgespinst (1537), weil es den Glauben an die Werke fördere und weil dadurch verkannt werde, dass Christus uns das Heil allein durch den Glauben (sola fide) und allein durch Gnade (sola gratia) schenke (Schmalkaldische Artikel: WA 50, 204).

 

 Gegen diesen Angriff hielt das Konzil fest (NR 907/908):

 

 (1)Es gibt einen Reinigungsort (purgatorium - Fegefeuer).

 

 (2)Den Seelen im Fegefeuer kann durch Gebet und durch das Messopfer geholfen werden.

 

(3)Die gesunde Lehre vom Fegefeuer soll gelehrt, schwierige und spitzfindige Fragen sollen aber in den Predigten vermieden und Missbräuche abgestellt werden.

 

Im Rechtfertigungsdekret spricht das gleiche Konzil davon, dass die zeitlichen Sündenstrafen in diesem Leben oder im Fegefeuer gebüßt werden müssen (DS 1580).

 

 

 

6.3 Systematische Überlegungen

 

 

 

6.3.1 Notwendigkeit der Reinigung

 

Der Gedanke, dass jene Menschen, die nicht in vollkommener Liebe sterben, einer Reinigung bedürfen, zieht sich durch die ganze Tradition hindurch. Er steht in einem unlösbaren Zusammenhang mit der christlichen Botschaft. - Die Vorstellung von einer jenseitigen Folterkammer, in der die Sünder nach einem rein quantitativen Maßstab gequält werden, ist aber unchristlich. Entscheidend ist der Gedanke von einer Reinigung, die den Menschen in seiner ganzen Existenztiefe erfasst.[139] Durch das "Gerichtsfeuer" geschieht die schmerzhafte Scheidung zwischen Sünder und Sünde (siehe Kapitel: Gericht). Der Ort des Fegefeuers ist im Menschen selber.[140]

 

Die Frage der Dauer der Reinigung ist schwer zu beantworten. Da wir aber mit einem Zwischenzustand zwischen Tod und Weltgericht zu rechnen haben, ist die Rede von einer Zeit der Reinigung (=Fegefeuer) sinnvoll.

 

 

 

6.3.2 Hilfe für die Seelen während der Reinigung (Arme Seelen)

 

Können in den höchst persönlichen Vorgang der Reinigung, der in der Begegnung des Sünders mit Christus stattfindet, andere Menschen stellvertretend eingreifen? - Der Mensch ist keine Monade.

 

"Er ist er selbst in den anderen, mit den anderen, durch die anderen. Ob die anderen ihm fluchen oder ihn segnen, ihm vergeben und seine Schuld in Liebe umwandeln das ist ein Teil seines eigenen Geschicks."[141]

 

Der zentrale Punkt im Eintreten für die Verstorbenen ist: ihre Schuld in Liebe umwandeln (vgl. Erlösungslehre). Das Böse, das Menschen begehen, wirkt in der Welt weiter, auch wenn sie gestorben sind. Es wirkt so lange, bis es durch andere in Liebe verwandelt wird. Diese Umwandlung geschieht überall dort, wo Böses nicht mehr mit Bösem vergolten wird. Die Bergpredigt gewinnt hier mit ihrer Forderung nach Verzeihen, Feindesliebe und Gewaltfreiheit eine neue und zentrale Bedeutung. Wo Menschen in diesem Geist handeln, wird die weiterwirkende Schuld der Lebenden und der Verstorbenen in Liebe umgewandelt. Der Dienst für die Toten wird so zugleich zu einem Dienst an den Lebenden und an den kommenden Generationen.

 

 

 

 

 

 127 vgl. Gnilka, Ist 1 Kor 10 -15 ein Schriftzeugnis für das Fegefeuer? Düsseldorf 1955.

 

 128 Vgl. Gnilka, a.a.O. 20-25.

 

 129 Vgl. Gnilka, a.a.O. 25-43.

 

 130 Vgl. Fischer, Studie zum Todesgedanken in der Alten Kirche, 258.

 

131 Vgl. Fischer, ebd. 267f

 

 132 Vgl. Gnilka, ebd. 43-62.

 

 133 Vgl. Art. purgatoire, in: DThC; J.Le Goff, Die Geburt des Fegefeuers.

 

134 Vgl. Le Goff, Die Geburt des Fegefeuers, 86-100.

 

 135 PL 77, 396f.

 

 136 [PL 95,250]

 

137 Vgl. Le Goff, Die Geburt des Fegefeuers, 110-119.

 

138 Soziologische Gründe: vgl . J. Le Goff, Die Geburt des Fegefeuers 268-276.

 

139 Vgl. Ratzinger, Eschatologie, 187-188.

 

 140 H.U. v. Balthasar, Theodramatik IV, 329.

 

141 Ratzinger, Eschatologie, 189; vgl. 153.155.


   

 

 

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